Die Wolke – ein deutsches Manga (oder doch Graphic Novel?)

Ich dachte nicht, dass der Tag kommen würde: Ich empfehle ein Germanga. Das Ende ist nah. Hier eine mehr oder minder ausführliche Rechtfertigung.

Die Wolke hatte ich mir wie ein echter einsamer Otaku zu Nikolaus selbst geschenkt. Das ist nicht nur das erste Mal seit 10 Jahren, dass ich überhaupt eine Manga Veröffentlichung eines deutschen Verlags kaufe, sondern auch das erste Mal, dass ich für einen von Deutschen gezeichneten Manga Geld ausgab. Ich habe es glücklicherweise nicht bereut, 16,95 Euro für das gebundene Buch hingeblättert zu haben.

Die Wolke ist eine Nacherzählung des bereits 1987 auf die Menschheit losgelassenen Romans von Gudrun Pausewang. Mit der Wolke ist die radioaktive „Wolke“ gemeint, die nach einem Reaktorunfall fröhlich durch die Welt bläst und Menschen wie Rentiere in Angst und Schrecken versetzt. Dank der gegenwärtigen Diskussion um Atommeiler ein durchaus aktuelles Thema. Der Band wird dann auch passenderweise mit Fotos aus Tschernobyl eingeleitet.

Die Geschichte ist so einfach wie eingängig: In Markt Ebersdorf raucht sich das örtliche Kernkraftwerk auf. Panik herscht – und das zu Recht. Unzählige Familien verlieren ihre Bleibe, ganze Regionen von Deutschland werden abgeriegelt. Tausende sterben an den direkten Folgen der Strahlung oder erliegen den Langzeitschäden, die Überlebenden hausen in Zelten und werden von Nicht-Betroffenen wie Aussätzige behandelt. Die Erzählung folgt dem Einzelschicksal der 15-jährigen Janna aus Bad Hersfeld und bringt damit die Schlagzeilen auf eine persönliche und greifbare Ebene. Der Roman wurde folgerichtigerweise mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet und wurde 2006 auch verfilmt (IMDB Info).

Graphisch umgesetzt wurde der Roman von Anike Hage, die bereits mit Gothic Sports recht lang und erfolgreich dabei ist. Und Anike zeichnet, wie Anike eben zeichnet: gut und schlicht. Die Klarheit des Strichs und die relativ strikte Seiteneinteilung erinnern eher an Shônen Manga, was eine erfrischende Abwechslung im teutschen Shôjo-Yaoi-Gewimmel bietet. Im Gegensatz zu so ziemlich _allen_ deutschen „Mangaka“ lässt sich über die Dame vor allem eins sagen: Sie kann zeichnen. Was man ihr wünscht ist mehr Zeit oder eine Handvoll Assistenten, die sich um Details und Hintergründe kümmern könnten. Denn genau daran mangelt es, was vor allem durch das große Format, gut doppelt so groß wie das Tankobon-Format (ein bisschen zu Formaten habe ich bei meinem Artikel über Bücher einpacken geschrieben), doch arg auffällt. Die Künstlerin erklärte selbst (ich weiß nicht mehr, wo ich’s gelesen hab ^_^;), dass sie dachte, das Band würde im Standart-Manga-Format erscheinen und richtete sich natürlich danach. Wie dem auch sei: Wenn man Japanern die Werke von Anike Hage zeigt, muss man sich zumindest nicht in Grund und Boden schämen.

Nun der eigentliche Scherz an der Geschichte: Eins der seltenen deutschen „Manga“, ist gar kein Manga, sondern eine [sic!] Graphic Novel. Man möge meinen, der etwas in die Jahre gekommene Jugendroman sollte in Mangaform wieder sein ursprüngliches Zielpublikum erreichen. Stattdessen schrecken Schlagworte wie „Roman“ oder „Graphic Novel“ auf dem Cover ab – Jugendliche riechen doch da 10 Meilen gegen den radioaktiven Wind, dass ihnen hier ein Oberlehrer der 86ger Generation etwas vorpredigen möchte. Abgesehen davon, dass ich nicht weiß, warum ein Graphic Novel nun weiblich sein soll (wie Novelle etwa?), frage ich mich, womit dieses Manga den Titel Graphic Novel verdient. Auf einer gewissen Ebene sind natürlich alle Comics Manga sind Graphic Novel sind Bande Desinée sind Bilderzählungen sind Comics – doch „Die Wolke“ auf eine Stufe mit Werken von David Mack, Neil Gaiman oder meinethalben auch „nur“ Shaun Tan zu stellen halte ich für … gefährlich. Mit dem Label „Graphic Novel“ wird eine bestimmte Erwartungshaltung – erwachsener Literatur, graphisch spektakulär umgesetzt – geweckt, die weder eingehalten kann noch je dafür ausgelegt war.

Inhaltlich wäre natürlich zu diskutieren, ob Horrorstories von Reaktorunfällen nun überholte Panikmache naiver Alt-Ökos ist oder eine notwendige Warnung in dieser Zeit, in der Tschernobyl schon vergessen scheint. Immerhin ist „Die Wolke“ der Beweis dafür, dass auch in Deutschland kontroverse und anspruchsvolle Inhalte in Mangaform vermittelt werden können. Bravo für die Pionierarbeit.

Fazit: Lesen. Basta.