Gewalt und Videospiele – Buchtipp: Grand Theft Childhood

In den letzten Tagen hatte ich überlegt, wie jeder andere darüber zu weinen, dass „Killerspiele“ nun wieder zum saisonalen Modewort avanciert ist. Doch irgendwo dachte ich mir, dass ich stattdessen auch einfach eine kleine Linksammlung zu Blogeinträgen anderer bringen und mir meinen eigenen Rant sparen könnte. Stattdessen gibt es einen Buchtipp. Zum Thema Gewalt, videospielende Kinder und die Zusammenhänge.

Eines der Bücher, die ich mir im August gekauft habe, beschreibt die Studie des Forscherehepaars Lawrence Kutner und Cheryl Olson zum Einfluss von Videospielen auf Kinder. Hier ersteinmal die bibliographischen Daten:

Kutner, Lawrence und Cheryl Olson: Grand Theft Childhood – The Surprising Truth about Violent Video Games *and What Parents can Do. New York: Simon & Schuster, 2008.

und passenderweise gleich den Amazon Link. Ja, das Buch gibt es bis jetzt nur auf Englisch.

Kutner und Olsen sind Experten für Kindererziehung und hatten bis Dato mit Videospielen ungefähr so viel Ahnung wie unsere Politiker: gar keine. Games sind nun aber mittlerweile aus der Freizeit der Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht mehr wegzudenken sind. Heutzutage scheint es lächerlich, sich als Fachmann und Berater für Erziehungsfragen auszugeben und sich gleichzeitig nicht mit Videospielen auszukennen. Nun gut, vielleicht nicht lächerlich – den meisten „Experten“ in Politik und Medien scheint dies nichts auszumachen – doch zumindest nicht wissenschaftlich fundiert.

So begannen die beiden denn 2004 selbst mit der Forschung. Zunächst, wie man es so macht, sichteten sie das bereits vorhandene Material. Desterwegen besteht denn auch gut ein Drittel des Buches aus einer kritischen Auseinandersetzung mit bis dahin getätigter Forschung. Ergebnis zum Stand der Forschung: Nur Schrott.

Wirkungsforschung arbeitet meist mit Studenten, die nur für wenige Minuten einer nicht unbedingt sinnvollen Auswahl von Testspielen ausgesetzt werden. Oft werden bei der Medienwirkungsforschung Erregung oder noch besser „Trigger-Happiness“ getestet. Jemand, der ein gewalttätiges Videospiel (die Defintion von gewalttätig ist logischerweise völlig willkürlich) gespielt hat, drückt Knöpfche in Simulationen danach mit besonderem Nachdruck. Das ist übrigens die konklusive Forschung, von der der Herr von der Gamestar hier sprach (thx@taiyaki für den Link! :)).

Es wird darauf hingewiesen (man möge meinen, überflüssigerweise), dass neue Medien stets Abwehrhaltung hervorrufen (meine Güte, Plato hatte selbst gegen die Verschriftlichung selbst etwas – was der wohl zu so pösen Dingen wie Romanen gesagt hätte ^_^;). Auch sollte man Ursache und Begleiterscheinung nicht mit einander verwechseln. Ich zum Beispiel esse gern Eiskrem und studiere Japanologie. Der Zusammenhang: Es gibt keinen.

Im Promo-Video zur Montreal International Games Conference geben die Autoren eine Kurzvorstellung ihrer Thematik:

[youtube vvIvMZYaY9M]

Olsen und Kutner forschen selbst mit weitgefächerten Befragungen von Eltern und Kindern. Dabei achteten sie darauf, möglichst nicht nur weiße Mittelständler aus städtischen Gebieten (wie es so oft in Studien der Fall ist) zu untersuchen. Das wichtigste Ergebnis: Kinder, die weniger oder keine Videospiele spielen, haben meist soziale oder intellektuelle Probleme. Sprich: In unserer heutigen Zeit müssen sich Eltern größere Sorgen machen, wenn ein Kind keine Videospiele spielt!

Im Buch wird davor gewarnt, Videospiele für allerlei Fehlverhalten verantwortlich zu machen. Als Beispiel wird der Selbstmord eines obzessiven Everquest-Spielers genannt. Die Mutter sei der Meinung gewesen, das Spiel wäre für den Tod ihres Sohnes verantwortlich. Das kleine logische Problem dabei: Der junge Mann war seit Jahren in psychatrischer Behandlung. Olsen und Kutner meinen – und ich stimme ihnen da übrigens vollends zu, dass einerseits die (ich betitle es mal der Verständlichkeit halber mit dem umstrittenen Begriff:) „Videospielesucht“ ein Sympton und keine Ursache sei. Andererseits sei es auch gefährlich, die Ursachen bei Videospielen zu suchen, denn so würden die wahren Gründe leider ignoriert. Und so sterben, versiffen und töten geistig Kranke fröhlich weiter, während wir uns von irgendwelchen Horrorgeschichten einlullen lassen.

Ja, das Buch ist gut. Zwar habe ich mich ab und an gefragt, ob denn nun Olsen und Kutners Studie selbst (trotz aller Vorsichtmaßnahmen) so stichfest sei, doch ist sie auf jeden Fall mal ein Schritt in die richtige Richtung. Vorurteilsfreie Forschung ist in diesem Gebiet leider noch sehr sehr selten. Am wichtigsten wäre die Lektüre natürlich für diejenigen, die blind den Fernsehpäpsten glauben, wenn sie mal wieder von Killerspielen reden. Diese Leute lesen nur leider selten (es sei denn die BILD) und wenn, dann nicht auf Englisch. Zumindest Videospielern aber sei Grand Theft Childhood ans Herz gelegt: Wenn man den Medien und der Politik schon vorwirft, dass sie keine Ahnung haben, dann sollte man es selbst besser machen und sich informieren.

Hier noch ein Gespräch mit den Autoren (auf Englisch):

[youtube -Rv5H-Kp1Rg]

Für deutsche Quellen: Ein Interview mit den Autoren gab es beim Spiegel, eine weitere Ankündigung mit vielen Kommentaren natürlich auch bei Heise.